Abenteuer-Reisen-Lateinamerika Peter Splitt
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Leseprobe: Blutiges Vermächtnis
                                        BLUTIGES VERMÄCHTNIS

Als in einer bergischen Villa die Leiche des bekannten Kunstsammlers Dr. Ferdinand Böker gefunden wird, stehen Polizei und Angehörige des Toten zunächst vor einem Rätsel. Gewisse Umstände lassen auf eine Verbindung zu längst vergessenen Ritualen, altperuanischer Völker schließen. Der Remscheider Schriftsteller Roger Peters, wird von Bökers Tochter Sophie mit der Archivierung der weltberühmten Sammlung ihres Vaters beauftragt und reist extra von Peru in seine alte Heimatstadt. Im Hause des Doktors kann er sich der erotischen Ausstrahlung seiner Auftraggeberin kaum entziehen und sieht sich außerdem schon bald mit dunklen Machenschaften konfrontiert. Und dann geschieht der nächste Mord…

Montag, 28. März 2010,
RS-Küppelstein,
7:15 Uhr
Roger Peters erwachte und war weit davon entfernt sich wohl zu fühlen. Er hatte kaum Schlaf gefunden und starrte nun benommen und fiebrig auf die hohe Zimmerdecke. Sein Verstand schien ihm einen Streich zu spielen. Kurzer Hand schnappte er sich seine Jeans, ging in das Badezimmer und sprang direkt unter die Dusche. Dort drehte er mit voller Absicht nur den Kaltwasserhahn auf. Zunächst fröstelte es ihm. Hatte er sich in der vergangenen Nacht auch gut genug um sie gekümmert, fragte er sich besorgt, während das eiskalte Wasser auf ihn niederprasselte. Was, wenn wirklich ein Unbefugter im Salon gewesen war? Jemand, der etwas ganz bestimmtes gesucht hatte und dem Sophie wohlmöglich noch vertraute. Er musste es herausfinden und vor allem, er durfte sie nach dem seltsamen Ereignis nicht mehr aus den Augen lassen. Das aber war bei ihrer Quirligkeit und seiner sonstigen Beschäftigung weiß Gott keine leichte Aufgabe. Er nahm die Waschlotion und seifte sich von Kopf bis Fuß ein. Vielleicht konnte er wenigstens so dieses ungute Gefühl von sich abwaschen, dass ihn seit dem aufwachen beschlich.
    Sophie selbst war noch früher aufgestanden als er. Die wenigen Stunden Schlaf, die sie genießen konnte, hatten sie nicht entspannt. Ganz im Gegenteil, sie fühlte sich noch konfuser als zuvor. Hatte sie sich den Vorfall in der Nacht nur eingebildet? War es Robert oder sogar Heiner gewesen? Nein, daran durfte sie nicht einmal denken und versuchte stattdessen diesen unmöglichen Verdacht auszublenden. Was sie jetzt dringend brauchte, war ein klarer Kopf, um in Ruhe nachdenken zu können. Selbst ihr Haus, das sie so liebte, kam ihr vor wie ein stickiges Gefängnis. Fast geräuschlos ließ sie sich aus dem Bett gleiten, streifte sich ihren Jogginganzug über und schlich die Treppe nach unten. Trotzdem wurde Marlies, die gerade dabei war das Frühstück zu machen, auf sie aufmerksam. Es folgte ein kurzer Zuruf und ein nicken, dann fiel auch schon die massive Eichentür fast lautlos hinter ihr ins Schloss. Mit ihrem Türklopfer und den feinen Metallbeschlägen erinnerte sie noch an jene Zeit, als die Eisenindustrie im Bergischen Land Fuß gefasst hatte. Unzählige Kotten und Hämmer waren damals entstanden und hatten das Eisen in brauchbare Werkzeuge verwandelt. Einen merkwürdigen Kontrast zu dem alten Holz bildeten die beiden angeblich diebstahlsicheren Chromschlösser, die ihr Vater paradoxerweise noch vor seinem Tode hatte anbringen lassen. Irgendwelche Versicherungsbestimmungen waren der Grund dafür gewesen.
   Jetzt maß sie ihren Puls und begann mit den gewohnten Lockerungs- und Dehnungsübungen, bei denen sie sich gegen die Tür lehnte. Das kräftigte angeblich die Wadenmuskulatur. Anschließend ging sie auf Zehenspitzen federnd die Stufen hinunter und machte auf dem Rasen vor dem Haus noch weitere Übungen. Dann joggte sie los.
    Sie fing langsam an, lief die Seitenstraße entlang und passierte dabei die gepflegten Vorgärten ihrer Nachbarn. Während sie immer weiter trabte, überlegte sie für einen Moment, ob es nicht doch besser gewesen wäre Roger Bescheid zu sagen, aber war er vielleicht ihr Aufpasser?Nun beschleunigte sie ihren Schritt. Die ersten Minuten waren für gewöhnlich die schlimmsten. Danach hatte sie ihren Rhythmus gefunden und es wurde leichter. Sie hatte sich dafür entschieden, häufiger die Geschwindigkeit zu wechseln. Das war eine gute Technik für Langstreckenläufer. Ihr schlanker, athletischer Körper strahlte dabei eine natürliche Anmut aus, welche die meisten Jogger vermissen ließen. Dabei verriet ihr Profil die nervöse Anspannung eines Windhundes, der darauf wartete, dass sich die Startklappe öffnete. Nur die wenigen Männer, auf die sie traf, konnten der Versuchung nicht widerstehen, sich nach ihr umzudrehen.
Mit dem Jogging hatte sie zu ihrer wilden Zeit, während des Aufenthaltes im bergischen Internat in Erkrath begonnen. Damals war sie jeden Tag vor Schulbeginn um das scheußlich, schwarz-weiße Fachwerkgebäude herumgelaufen, während ihre Mitschüler noch zu schlafen pflegten, oder gerade gähnend aus ihren Betten stiegen.
Jetzt bog sie am Rande der Pferdeweiden in den schmalen Waldweg ein, der zunächst hinab in das Tal der Wupper führte. Am Wiesenkotten überquerte sie dieselbige, lief dann weiter hinauf bis zur Burger Landstraße, die Solingen Mitte mit dem Stadtteil Burg verband, passierte das Herrman-Löhns-Denkmal, erklomm die Serpentinen des Hanges auf der anderen Seite der Wupper, sprintete quasi im Leerlauf wieder hinab zur Petersmühle und ließ es dann, entlang des Bertramsmühler Baches, langsamer angehen. Bei Strohn erreichte sie das Solinger Tierheim, wo sie abermals die Wupper überquerte und nach einer kurzen Verschnaufpause zunächst durch ein Tannenwäldchen direkt bis zur Sengbachtalsperre durchlaufen wollte.
    Der Tannenwald sah so aus, als könne man sich relativ leicht darin zurechtfinden. Tief gebeugt folgte sie leise dem schmalen Weg, schlug sich wachsam durch das grüne Unterholz, sprang über abgebrochene Zweige und graue Wurzeln immer tiefer in den dunkelgrünen Schatten hinein. Heiß und feucht stand die Luft unter den dichten Ästen, durch die nur ab und zu dünne Sonnenstrahlen brachen. Und über allem lag das unaufhörliche Summen von Insekten. Sie verlangsamte erneut die Geschwindigkeit, zog das Schweißband von ihrem Kopf und kontrollierte abermals ihren Puls: Sie war heute wesentlich schneller unterwegs als sonst und das war auch gut so, denn sie hatte sich vorgenommen ihre Kondition zu verbessern. Auf keinen Fall wollte sie, so wie viele ihrer Altersgenossinnen, mit Anfang Vierzig von einer Fitnessfarm zur anderen eilen.
   Plötzlich fuhr sie erschrocken zusammen. Aus dem Gestrüpp hinter ihr erklang ein schrilles Kreischen, das zu einem gellenden Schrei anschwoll. Sie wirbelte herum, konnte aber niemanden erkennen. Ihr Herz hämmerte wie wild unter dem verschwitzten Oberteil.
    Je weiter sie in das Wäldchen hineinlief, desto mehr fühlte sie sich auf einmal beobachtet. Doch nach wie vor war niemand zu sehen. Sie atmete heftig ein und aus, doch das Geräusch, das sie dabei verursachte klang irgendwie übermäßig laut in ihren Ohren. Da ertönte von neuem dieser schauderhafte Schrei. Er kam ihr jetzt viel näher vor. Ich muss so schnell wie möglich weg von hier, dachte sie und begann wieder schneller zu laufen. Hastig nach Luft schnappend bewegte sie sich vorwärts und erstarrte…Hinter ihr krachten Zweige. Jemand verfolgte sie. Noch im Laufen versuchte sie sich umzudrehen, konnte aber niemanden sehen, also setzte sie zu einem Spurt an. Ich darf auf keinen Fall meinen Kopf verlieren, kam es ihr als nächstes in den Sinn und sie brach nun achtlos durch das Unterholz, versuchte erst gar nicht mehr leise zu sein. Der nächste Schrei kam wieder ganz aus ihrer Nähe und versetzte sie noch mehr in Panik. Zitternd vor Angst zwang sich Sophie immer weiterzulaufen, während sie sich bemühte, ihr Gesicht mit den Händen vor herunterhängenden Ästen und Zweigen zu schützen. Trotzdem waren ihre Wangen schon zerkratzt. Blut tropfte auf ihr weißes Oberteil, doch sie rannte unaufhörlich weiter. Beim nächsten Aufheulen schrie sie laut auf. Es klang so, als befände sich jetzt jemand direkt hinter ihr. Mit einer reflexartigen Bewegung sprang sie zur Seite, stolperte und landete mitten im dichtesten Gestrüpp. Kurz darauf hatte ein mächtiges Wildschweinmännchen sein Weibchen eingeholt, und damit fanden auch seine Brunftschreie ein jähes Ende.
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