Als sie wiedererwachte, fand sie sich, an Armen und Beinen gefesselt auf einem schäbigen Metallbett liegend vor. Ein löchriges, vergilbtes Moskitonetz hing über der Schlafstätte und bot ihr wenigstens ein wenig Schutz vor den gierigen Bissen der unzähligen, stechenden Quälgeister. Dazu verursachte ein rostiger Ventilator, angeschlossen an eine Autobatterie ein schauderhaftes, monotones Rasseln. Immerhin vermochte Luz Dary sich bei jeder einzelnen Umdrehung, an einem mehr oder weniger abkühlenden Luftzug zu erfreuen. Ihre unmittelbare Umgebung, ein einfacher Holzverschlag, kam ihr sehr fremd vor und sie spürte vor allem, zunächst einen großen Durst. Aus nächster Nähe, ertönte das Geschrei von spielenden Kindern und ihre Nase füllte sich mit unbekannten Gerüchen. Dazu vernahm sie Klängen von unbekannten, exotischen Vögeln und Insekten. Die Luft war stickig und schwül. Als nächstes fiel ihr Blick auf eine kräftige Schwarze, die gerade im Begriff war etwas Wasser aus einer Schüssel in ein Glas zu gießen. Danach drehte sie die Unbekannte um und schlurfte mit dem Getränk in der Hand, auf sie zu. „Gut dass Du wach bist! Hier trink und dann sag mir wo die Steine sind. Es ist besser, du verrätst es mir gleich, verstehst du?“ „Wenn Jairo kommt und dich einmal richtig ran nimmt, wird es wesentlich unangenehmer und dann plauderst Du mit Sicherheit.“ „Kapier das doch Kleine, du hast keine Chance. Also los! Rück endlich damit raus. Wo sind die Steine? Sag es mir endlich, wo sind sie?“ In diesem Moment öffnete sich die sperrige Holztür und ein kräftiger, südländisch aussehender Mann in einem eleganten, grauen Anzug betrat den Raum und ging ohne zu Zögern auf die Gefangene zu. Grob fuhr er die Schwarze an: „Halt schon dein Maul! Ich frag sie jetzt selber, also raus damit, wo sind die Steine?“
„Sie hat sie bestimmt nicht, Senor Mosquera, wenn sie mich fragen“, schnatterte die Alte aufgeregt dazwischen.
„Und, hab ich dich etwa gefragt?“ Erbost setzte sich der Mann zu Luz Dary auf die Bettkante. „Ok, du willst es mir anscheinend nicht sagen. Dann sage ich dir, wo sie sind!“
„Dein Freund Victor hat sie, und er wollte damit abhauen, nach Panama, mit dem nächsten Flugzeug. Aber wir haben ihn davon abgehalten. Ich will damit sagen, dass meine Männer ihn am Flugplatz erwartet haben. Aber sie konnten nicht ausführen, was ich ihnen befohlen hatte und da haben sie ihm nur gesagt, dass wenn er nicht bald auftaucht, seine kleine Freundin darunter zu leiden haben wird.“
„Was glaubst du nun? Taucht er hier auf oder nicht?“
Luz Dary blickte ihren Peiniger scharf an, jedoch ohne zunächst ein Wort zu sagen. Also, lag es wieder an ihm, die junge Dame zum sprechen zu bringen. Wütend griff er nach einem Schnappmesser, welches auf der wackeligen Kommode neben dem Metallbett lag und näherte sich ihr damit in bedrohlicher Weise.
„Soll ich dir sagen was ich glaube?“ sprach er, zögerte noch einen Moment und fuhr dann langsam mit der Messerklinge über ihren hilflos daliegenden Körper. „Ich werde es dir verraten. Nicht einen Finger wird er für dich rühren!“ „Was würden sie denn an seiner Stelle machen?“ fragte jetzt Luz Dary und es war das erste Mal, dass sie ein Wort von sich gab. „Du kennst mich eben nicht. Ich halte immer zu meinen Leuten, egal was kommt, aber keine Angst, ich werde diese Situation nicht ausnutzen, obwohl ich zugeben muss, dass es mich sehr reizt. Ich nehme mir nur etwas zur Erinnerung mit.“ Sprach es und schnitt ihr ehe sie sich versah, mit dem Messer eine große Strähne aus ihrem vollen, braunen Haar. Danach beugte er sich leicht vor und versuchte sie zu küssen.Luz Darys Reaktion folgte auf dem Fuß und sie spukte ihm Mitten ins Gesicht. „Das hab ich schon immer an dir bewundert“, sagte er ein wenig ironisch und wischte sich mit dem Ärmel seiner Anzugsjacke über den Mund. „Deinen Körper und deinen Mut, meine ich.“
„Ich habe noch nie eine Frau getroffen, die so wie du gut aussieht und dazu noch Mut und Verstand besitzt. Übrigens, die Idee mit dem Ballon, von wem stammte die eigentlich?“
Sie tat so, als würde sie das alles gar nichts angehen, aber er ließ nicht locker.
„Komm schon, wir wissen doch wie ihr die Steine herausgebracht habt! Irgendeiner redet immer. Es war deine Idee, nicht wahr?“
„Was wollen sie eigentlich von mir?“
„Das weiß dein Victor doch am besten. Hör zu, ihr könnt gehen, wohin ihr wollt, wenn er uns die Steine hierher bringt.“
„Sie halten ihn wohl für sehr dumm, oder was?“ konterte sie mit einem hämischen Lächeln.
„Keine Sorge, wir haben ihm auch mitgeteilt, dass wir dein hübsches Gesicht zerschneiden, wenn er nicht spurt. Das Schwein kriegen wir in jedem Fall, und du hilfst uns dabei!“
„Und wieso sollte ich das tun?“
„Ganz einfach, weil ich mit dir teilen will, wie mit einem Partner.“
„So, dass klingt ja sehr interessant“, sagte sie schon fast gelangweilt ohne aber dabei ihren Blick von seinen Augen zu wenden.
„Hör zu. Die ganze Sache in Muzo war doch deine Idee, alle wissen das inzwischen. Aus den Minen ist ansonsten fast nichts mehr raus zu holen. Alle Schlupflöcher sind längst von der Wachmannschaft gestopft worden. Das ganze hat sich wirklich zu einem lausigen Geschäft entwickelt, wenn man nicht immer mit neuen Tricks arbeitet. Ich kann mich auf meine Leute verlassen, aber ich habe keinen, der so wie du richtig nachdenken kann.“
Ich staunte nicht schlecht, als ich in der Ferne die aufwirbelnden Staubwolken sah. Beim näheren Hinschauen erkannte ich die schlängelnden Bewegungen eines Geländewagens, der schnell voranzukommen schien. „Sieht aus als bekommen wir unerwarteten Besuch“ sagte ich zu Luis der gerade dabei war diverse Steinproben auszuwerten. „Schon seltsam, ich hatte nicht geglaubt, dass uns jemand so schnell hier finden würde.“
„Los komm, verstecken wir uns“, meinte Luis. „Erst mal schauen wer diese Person ist und was sie hier zu suchen hat. Zur Sicherheit nehme ich das Luftgewehr mit. Mann kann ja nie wissen.“
Noch wurde der Geländewagen von einem Hügel verdeckt, da hörten wir wie eine Tür zuschlug, und sich Schritte langsam entfernten. Wir lugten über die Kuppe des Hügels und mir verschlug es fast die Sprache: Abermals sah ich jene Dame vor mir, die ich die ganze Zeit beobachtet hatte. „Mensch Luis, das ist diese Luz Dary von der ich Dir erzählt habe. Was um Himmelswillen hat sie hier in der Wildnis verloren? Statt einer Antwort hob mein Freund das Gewehr und es ertönte ein lauter Schuss. Zunächst glaubte ich sogar, dass er auf sie angelegt hätte, aber dann sah ich das lange Reptil mit dem rot-weiß-schwarz gestreiften Körper auf dem Boden liegen.