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Peter Splitt |
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Leseprobe 3: Gefangen im tropischen Paradies |
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Buch 3: GEFANGEN IM TROPISCHEN PARADIES
Der alte Schuppen lag nahe am Wasser. Ein schwacher Wind bewegte die Blätter der großen Palmen, die am Ufer standen und die schmalen, handgefertigten Boote an den Stegen. Sie gingen mit einem Fernglas in der Hand zum Ufer hinunter. Der Weg führte direkt am Wasser entlang. Links standen Fischerhäuser, schmal und hell getüncht. Netze hingen an Bambusstangen und das Mondlicht fing sich in den Muscheln. Es herrschte Niedrigwasser und der rotbraune Schlamm erstreckte sich weit hinaus in die Bucht. Es gab eine kleine Insel, zu der man eben bei niedrigem Wasserstand hinauslaufen konnte. Dazu musste man zunächst auf dünnen Brettern balancieren, die beim darauf treten auch noch am anderen Ende in die Höhe schnippten und sich bei jedem Schritt bis fast zur Bruchgrenze durch bogen. Stellenweise waren sie nass und rutschig aber dennoch, war sie ein beliebtes, nächtliches Ausflugsziel für verliebte Paare. Man musste nur acht geben, dass man den Zeitpunkt der Rückkehr nicht verpasste. Manchmal trug der Wind den Klang von Gelächter und Salsa Klängen zu ihnen herüber. Bis auf die Behausungen der Einheimischen und den paar alten Adelshäusern, war die Stadt erst in dem letzten Jahrzehnt entstanden. Ihre Bewohner betrieben eine eigene Selbstversorgung und pflanzten auf ihren Flachdächern Gemüse und Kräuter in von LKW-Reifen begrenzten Beeten an.
Auf engstem Raum wechselten sich Steilhänge, Hochplateaus und Flusstäler ab. Der Wald war dicht wie ein Wall und dunkel gewesen. Bei jedem Tritt gluckste und schmatzte der Sumpf und als sie dann nach ein paar Minuten oben auf dem Plateau aus den Bäumen mit den dicken, grünen Blättern traten, welche von oben bis unten miteinander verknäult waren, sahen sie, dass der Himmel sich im Osten bereits grau verfärbte. Vor ihnen präsentierte sich die Bucht in ihrer ganzen Breite und die Aussicht von diesem Platz war überwältigend. Der Boden war jetzt zum Teil nur noch nackter Felsen. Am Rande des Plateaus, wo es etwa zwanzig Meter steil in die Tiefe ging, stand ein alter, verrosteter Zaun. Die wenigen Lichter von Jagua, eben noch schwach zu erkennen, erloschen in dem Grau der Atmosphäre. Auch das Wasser in der Bucht schien von hier oben Grau zu sein, seine Oberfläche bewegte sich in sanftem Rhythmus. Die Flut hatte bereits eingesetzt und die Insel wurde von Minute zu Minute kleiner und schien sich immer weiter von der Küste zu entfernen.
Plötzlich stießen sie einen Schrei aus. Es war der überraschende Aufschrei von Menschen, die etwas sahen, dass sie nicht glauben konnten. Jetzt konnte auch Don Cadelo einen Aufschrei nicht länger unterdrücken. „Seht doch nur“, rief er aufgeregt aus. „Ein Schiff“. Und tatsächlich, weit draußen in der südlichen Einfahrt der Bucht glitt ein mächtiges Segelschiff über das Wasser. Der Himmel war grau, das Wasser war grau und das Schiff war weiß und klar gezeichnet. Der lange Rumpf, das Deck, die Segel, aber nirgendwo ein Licht. Das ganze Schiff war dunkel und man konnte fast meinen es sei unbemannt, so wie es in die schmale Mündung der Bucht einlief. „Das kann nicht sein“, murmelte Don Cadelo. „Das geht einfach nicht. Es ist vollkommen unmöglich! Ein Schiff dieser Größe. Wie haben sie es nur geschafft an den Kanonenbooten der Küstenwache vorbeizukommen. Der Kapitän muss ein wahrer Meister der Täuschung sein.“
Er griff zu dem Fernglas und blickte hinaus zu dem Schiff, das da nun immer weiter in die Bucht hinein glitt. Heimathafen Havanna stand da in großen Buchstaben geschrieben und es lief unter kubanischer Flagge. Er konnte einfach nicht glauben, was er da sah. Vielleicht träumte er? Er bemerkte nichts von dem Lächeln, welches auf seinem Gesicht lag, ein Lächeln von Freiheit, das nun alles für Möglich hielt.
„Komm, Fremder. Ich zeige Dir meine Stadt, aber ich zeige sie Dir auf meine Weise. Ich zeige Dir das, was Du nicht sehen kannst und wenn Du es doch siehst, dann verstehst Du es nicht und wenn Du es dann doch zu verstehen glaubst, dann kannst Du es Dir nicht erklären. Komm!“
Sie standen auf dem belebten Boulevard Paseo de Marti in der Altstadt Havannas und gleich neben ihnen jaulte ein Radio die neusten Salsaklänge aus den nach Renovierung lechzenden Prachtbauten im Art Deco und Jugendstil. Ein klassischer, amerikanischer Oldieschlitten, über den der Besitzer mit Stolz erzählte, er würde auch bestens mit einem Ladamotor laufen, hatte Roger Peters und Luis vom Flughafen direkt bis in die kubanische Hauptstadt Havanna gebracht. Und nun suchten sie hier eine Unterkunft, zunächst nur vorübergehend, um dann in Ruhe zu entscheiden, womit sie eigentlich anfangen wollten. Vorhergehende Planungen, waren ja gut und schön, aber hier präsentierte sich ihnen das wirkliche Leben Kubas, bunt und schillernd, niemals in Eile, gelassen und trotz aller Sorgen irgendwie harmonisch. Sie trafen auf Männer in Uniformen, in Arbeitskluft oder elegant gekleidet. Auf Kinder in ihren Schuluniformen und Frauen in jeder denkbaren, fantasievollen Bekleidung, vom knöchellangen Rock mit Hüfthohem Schlitz bis hin zu hautengen Hotpants mit winzigen Oberteilen und extrem hochhackigen Schuhen. Manche Damen sahen sie an und zwar so direkt, wie es eine Europäerin niemals wagen würde. Es schien so, als würden sie fragen: „Na, wo kommt ihr denn her?“
Breits in kürzester Zeit, hatten die beiden Freunde bemerkt, dass sie hier mit jedem Menschen reden konnten und zwar auf eine leichte, intelligente und oftmals witzige Art und Weise.
Casas Particulares hatte ihnen Ignacio empfohlen, nachdem feststand, dass er doch nicht sofort mit ihnen zusammen nach Kuba würde fliegen können. Das waren Zimmer in privaten Häusern oder Wohnungen, mit Familienanschluss sozusagen und trotzdem waren sie zunächst skeptisch, als Roger Peters an eine drei Meter hohe Holztür klopfte. Eine schwarze Dame von vielleicht Ende Dreißig, öffnete ihnen. Sie trug ein weißes Gewand und hatte ein schönes Gesicht, mit hohen Wangenknochen, einem, großen, roten, dicklippigen Mund und dunkle Augen unter einer intelligenten Stirn. Als sie die beiden in ihr Haus bat, schien ihnen ein sanftes, blaues Licht aus dem Flur entgegen. Zu ihrer Überraschung gab es sofort einen wohlschmeckenden Kaffee sowie einen Salat aus exotischen Früchten. Dona Ofelia, so hieß die Dame des Hauses, lies sie einfach mit am Küchentisch sitzen, ganz so, als ob sie zur Familie gehörten und später zeigte sie ihnen ihre Zimmer: einfach, hell, freundlich, die beiden Einzelbetten mit Blümchenlaken bestückt, welche sich passend zu den Vorhängen harmonisch in das Bild einfügten.




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